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Gelebte Spiritualität: Zen-Meister Bernie Glassmann

20. Juni 2017
gelebte Spiritualität Zen-Roshi Bernie Glassmann

Wer von sich sagt, er lebe ein spirituelles Leben, sei es durch spirituelle Praxis wie Yoga, Meditation, Tai Chi oder anderes, wird an den Punkt kommen, wo er feststellt, das diese Praxis alleine nicht reicht.
Was nützt die innere Ausrichtung, wenn die Welt um uns herum weiter im Chaos ist? Es bedarf einer gewissen Veränderung, für einen selbst und die Umwelt, wenn wir uns auf den spirituellen Weg begeben.
Wer einer Religion wie z.B. dem Buddhismus folgt hat es leichter, da die Lehren den Schüler zu mehr Mitgefühl zu unseren Mitmenschen hinführen. Ein Vorbild an gelebtem Buddhismus bietet die internationale Peacemaker Community, gegründet von dem Zen-Meister Bernard Glassman, genannt Bernie.

Der New Yorker Bernard Glassman, seit Ende der 50er Jahre Zen-Meister, verbindet seine unkonventionelle Meditationspraxis mit einem ungewöhnlichen sozialem Engagement.
Es ist praktisch unmöglich in Meditation zu versinken und zugleich seinen leidenden Nachbarn zu ignorieren und sich selbst zu überlassen. „Die ganze Welt verblutet,“ lauten Bernies eindringliche Worte, „und ich kann nicht daneben sitzen und tatenlos zusehen.“
Er geht in die Brennpunkte der Städte, um dort zu meditieren. Sein Ziel ist es, allen Wesen in Not zu helfen.
In der Fixer-Ecke Zürichs, in den Slums New Yorks, in ehemaligen Konzentrationslagern, in Schlachthöfen oder er unternimmt Pilgerwanderungen, z.B. entlang der ehemaligen DDR-Grenze. Die starke Medienwirksamkeit rückt die ignorierten Problematiken wieder in den Mittelpunkt und bedeutet für Bernard unmittelbaren Ausdruck seiner Sichtweise von gelebtem Buddhismus.

„Für uns erhalten die Dinge, die wir am meisten leugnen, die Stärkste Heilenergie,“ führt Bernie fort. „Um diese Energie jedoch nutzen zu können, müssen wir Zeugnis ablegen vor AIDS, Armut und Hunger, von Flüssen, Bergen und lachenden Kindern, von Krieg, von Auschwitz und dem Morgenstern.“

Für Bernie bedeutet die buddhistische Lehre, ein Verständnis der Welt zu entwickeln, das zur Erfahrung des Eins-Seins, der Zugehörigkeit aller Wesen zu dem Ganzen führt. Soziales Engagement ergibt sich so auf ganz natürliche Weise und ist ein unabdingbarer Bestandteil spirituellen Lebens und mitfühlendem Handelns.

Die von ihm gegründete internationale Peacemaker Community setzt diese Vision um, indem sie lokale und regionale Gruppen aufbaut, die gemeinsam meditieren, diskutieren und sich sozial engagieren. Die verschiedenen Veranstaltungen am Brennpunkten ermöglichen es, sich von den Gefühlen, die bestimmte Orte, Ereignisse, Situationen und Menschen auslösen, berühren zu lassen statt wegzusehen. Mit offenen Herzen begegnen die Teilnehmer dem, was präsent ist. Dadurch können sich innere Einstellungen und Verhaltensweisen verändern und ein friedlicher Umgang miteinander wird möglich.
Bernard Glassman zeigt, wie die Lehren Buddhas sich auf lebendige Weise umsetzen lassen.

 

Auschnitt aus 'Zeugnis ablegen' von Bernard Glassman
„Ich bin seit vielen Jahren sozial aktiv, habe Firmen und Organisationen gegründet, Ausbildungsprogramme entwickelt und zahlreiche Retreats geleitet. All dies ist sehr wichtig, und doch staune ich bis auf den heutigen Tag immer wider über die heilende Kraft des bloßen Zuhörens. Ich meine hier das Zuhören ohne zu reden, Zuhören ohne geistiges Geschwätz, Zuhören ohne Antworten geben zu wollen, Zuhören aus dem Nichtwissen heraus.

Denken sie einmal an eine Situation, in der irgendetwas Sie zutiefst bekümmert hat und Sie einem Angehörigen oder einer Freundin von Ihrem Kummer erzählt haben, während er oder sie Ihnen auf die beschriebene Weise zuhörte. So etwas geschieht sehr selten. Deshalb ist diese Art des Zuhörens ein sehr wertvolles Geschenk. Wir bemühen uns, es in unseren Ausbildungsprogrammen zu lehren. Manchmal brauchen wir nichts weiter, als dass uns jemand auf diese Weise zuhört. Wenn wir am Tag der Besinnung Zeugnis von uns und unserer eigenen Situation ablegen, hören wir uns auf die soeben beschriebene Weise zu. Wir urteilen und kritisieren nicht und machen uns keine Gedanken über richtig und falsch.

Dieses bedingungslose Zuhören und die Tatsache, dass wir uns selbst dabei näher kommen, wirkt ungeheuer heilend. Versuchen sie, sich selbst zuzuhören, und nutzen sie dazu diese Gelübde oder andere Leitlinien. Reservieren sie einen Tag für diese Art der Übung. Haben sie keine Angst, sich mit Ihren Problemen zu befassen. Während der Straßen-Retreats bieten wir zweimal täglich in einer Rezitation allen hungrigen Geistern der zehn Richtungen das höchste Mahl an. Indem wir uns selbst anbieten, bieten wir ein Festmahl an.

Wir mögen es vielleicht nicht als ein solches ansehen oder meinen, es sei ein Mahl der Unvollkommenheiten. Wir opfern unsere Scheu, Wut, Liebe, Lust, Unwissenheit und Entschlossenheit. Was immer Sie in sich sehen mögen, was immer sie sind, dies ist Ihr Opfer. Und da das Ganze ein Buffet ist, brauchen sie nicht alles zu essen, sondern können wählen, was sie brauchen, nehmen, was Ihnen schmeckt. Es wäre tragisch, wenn sie aus Angst nichts von all den guten Dingen anrühren würden. So viel sie auch essen mögen, es gibt immer noch mehr – unvorstellbar viel. Solange wir uns selbst mit all unseren Zutaten anbieten, ist für alle genug da.“

Tetsugen Bernard Glassman

Die revolutionaere Kraft des Mitgefuehls von Konstantin Wecker
Bild: Goldmann Verlag (mit K. Wecker)

Er wurde 1939 in New York in eine deutschstämmige jüdische Familie geboren. Er studierte Flugzeugbau, promovierte in Mathematik, arbeitete anschließend mit im Weltraumprogramm der NASA und hatte während der weltweiten Aufbruchstimmung der Jugend in den 60er Jahren erste Begegnungen mit der Lehre und Praxis des Zen. Später wurde er Schüler des Zenmeisters Taizan Maezumi Roshi.

Bernard Glassman verließ Beruf, Karriere und Haus, wurde als Zenmönch ordiniert und durchlief die klassische Zenschule beider japanischer Traditionen, die Koan-Praxis des Rinzai und die Priesterausbildung des Soto – und er erlangte volles „Erwachen“ („Satori“). Maezumi Roshi ernannte ihn schließlich zu seinem Dharma-Nachfolger und Abt des neu gegründeten Zen-Centers in New York. Tief erfüllt vom Mitgefühl mit allen leidenden Wesen, legte er das Gelübde ab, allen „hungrigen Geistern im ganzen Universum“ Nahrung zu geben, konkret in den ärmsten Stadtteilen New Yorks. Er gründete die „Greyston Foundation“ und praktizierte „Street Zen“.

Darüber hinaus machte sich Glassman Roshi in den letzten Jahren auf die Suche nach den spirituellen Wurzeln und Schätzen seiner jüdischen Herkunft, beteiligte sich am Dialog der Religionen und leitete eine internationale und interreligiöse Meditationswoche im KZ-Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau.

Seine Arbeit mit Obdachlosen in Yonkers, Upstate New York, hat Roshi Glassman weit über die Grenzen der USA hinaus bekannt gemacht. Mehrmals im Jahr teilt er mit Zen-Schülern das Leben der sozial Ausgegrenzten auf der Straße in sogenannten Street-Retreats. Mit seinem Peacemaker-Orden setzt Glassman sich seit acht Jahren für die interkonfessionelle Friedensarbeit ein.

 

Artikel wurde veröffentlicht im mushroom magazine

Foto oben: play.google.com

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